Halberstadts vergessene jüdische Vergangenheit und die DDRs Schweigen dazu
Lina KrügerHalberstadts vergessene jüdische Vergangenheit und die DDRs Schweigen dazu
Halberstadts jüdische Geschichte wurde in der NS-Zeit fast ausgelöscht und später in der DDR übergangen. Die Stadt, einst ein Zentrum des neorthodoxen Judentums, sah ihre Gemeinde zwischen 1938 und 1942 zerstört werden. Ein neues Buch des Historikers Philipp Graf untersucht nun, wie die DDR trotz ihres antifaschistischen Selbstverständnisses diese Vergangenheit nicht aufarbeitete.
Die Zerstörung der Halberstädter Synagoge in der Nacht vom 9. November 1938 markierte den Beginn der Vernichtung des jüdischen Lebens in der Stadt. Bis 1942 war die Gemeinde ausgelöscht – 1961 lebte mit Willy Calm nur noch ein letzter offizieller Vertreter in Halberstadt. Das ehemalige Konzentrationslager Langenstein-Zwieberge bei Halberstadt wurde 1949 zur Gedenkstätte für die Opfer der Zwangsarbeit umgestaltet. Doch bereits 1969 erfolgte ein Umbau: Aus dem Ort der Erinnerung wurde eine Stätte politischer Gelöbnisse, errichtet über den Gräbern der Häftlinge.
Das Verhältnis der DDR zur jüdischen Geschichte blieb ambivalent. Zwar erschienen 1969 Romane wie die von Peter Edel und Jurek Becker, die sich mit dem Holocaust auseinandersetzten, doch in der staatlichen Geschichtsschreibung wurde das jüdische Leid oft ausgeblendet. Die niederländische Widerstandskämpferin Lin Jaldati, die 1952 nach Ost-Berlin gezogen war, nahm dort drei Schallplatten auf – doch nach dem Sechstagekrieg 1967 verschwand sie aus den Sendungen. Gleichzeitig wurden die Tunnelsysteme des ehemaligen Lagers in den 1970er-Jahren als Militärdepot der Nationalen Volksarmee zweckentfremdet.
Jahrzehnte später löste der Verkauf der Rathauspassagen in Halberstadt 2018 antisemitische Untertöne aus – manche sprachen von einem „Verkauf an die Juden“. Dieser Vorfall veranlasste Graf, der Frage nachzugehen, wie die jüdische Vergangenheit der Stadt ignoriert wurde, obwohl sich die DDR als antifaschistisch inszenierte.
In seinem Buch „Verweigerte Erinnerung“ dokumentiert Graf, wie Halberstadts jüdische Geschichte unter dem Staatssozialismus verdrängt wurde. Die Gedenkstätte Langenstein-Zwieberge, die umfunktionierten Lagertunnel und das verblassende Andenken an Persönlichkeiten wie Willy Calm zeugen von einer Kultur des Schweigens. Die Kontroverse von 2018 zeigte, dass alte Vorurteile fortbestanden – lange nach dem Ende der DDR.






