24 March 2026, 06:06

Lilli Tollkiens schonungslose Memoiren entblättern eine zerrissene Kindheit in Kreuzberg

Schwarze und weiße Zeitung vom 6. August 1875 mit der Überschrift "Berliner Wespen", die eine besorgte Gruppe von Menschen zeigt, von denen einige ängstlich nach oben und andere verwirrt nach unten schauen.

Lilli Tollkiens schonungslose Memoiren entblättern eine zerrissene Kindheit in Kreuzberg

Lilli Tollkiens Memoiren Den Himmel mit beiden Händen halten schildern die zermürbende Kindheit von Lale, die in den 1980er-Jahren in einer Berliner Männer-WG aufwuchs.

1980 geboren, wuchs Lale in Kreuzberg zwischen revolutionären Idealen auf – doch ihr Alltag war weit düsterer. Das Buch zeichnet ihren Kampf zwischen Vernachlässigung, Missbrauch und seltenen Momenten der Stabilität nach.

Lales Eltern steckten schon lange vor ihrer Geburt in einem Strudel aus Chaos. Ihre Mutter, heroinabhängig, setzte sie ständiger Gefahr aus, während ihr Vater – ein Kleinkrimineller mit Verbindungen zur radikalen Linken der APO – oft abwesend oder inhaftiert war. Mit nur achtzehn Monaten wurde sie in staatliche Obhut genommen, nachdem sie Rohypnol-Tabletten verschluckt hatte, während ihre Mutter bewusstlos im Drogenrausch lag. Ihr Vater, sich der Gefahren nicht bewusst, zog nach seiner Entlassung in dieselbe WG.

Die Kommune, obwohl ein Ort politischer Debatten, war vor allem ein Schauplatz der Exzesse. Schwerer Alkoholkonsum, harte Drogen und endlose Partys prägten den Alltag. Frauen kamen und gingen, doch Lale blieb das einzige Kind in einem Haus voller wechselnder Erwachsener. Die Schule wurde ihr sicherer Hafen, ein Ort, an dem sie aufblühte – bis zur Pubertät, als sich ihre Welt weiter verdüsterte. Hinter verschlossenen Türen erlitt sie sexuellen Missbrauch durch einen Mitbewohner, ihr Leid blieb unsichtbar im hellen Licht des Alltags.

Trotz aller Wirren trug Lales Widerstandskraft sie weiter. Nach dem Austritt aus dem Jugendhilfesystem erkundete sie verschiedene Wege, bildete sich unter anderem in Regie und Musiktherapie aus. Die Memoiren gehen nicht im Detail darauf ein, wie diese Jahre ihre Karriere prägten, doch sie hinterlassen ein schonungslos ehrliches Porträt des Überlebens.

Tollkiens Schilderung bietet keine einfachen Antworten, doch sie legt schonungslos die Versäumnisse offen, die Lales Kindheit umgaben. Das Buch steht als Dokument ihrer Reise – vom vernachlässigten Kind in einem maroden System zur Frau, die es überdauerte. Deutlich wird: der Preis des Schweigens und die zerbrechliche Stärke, die es braucht, um durchzuhalten.

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